Langer Steinweg 8 (Blomberg)

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Langer Steinweg 8 (Blomberg)
OrtsteilBlomberg (Kernstadt)
StraßeLanger Steinweg (Blomberg)
Hausnummer8
Karte
Quartiersnummer269
Adressbuch von 1901Ja
GemeindeBlomberg
StraßeLanger Steinweg
Hausnummer8

Alte Hausnummer Blomberg Nr. 269. Große bürgerliche Hausstätte, Fachwerk-Dielenhaus mit Saal des späten 16. Jahrhunderts, 1912 abgebrochen und durch historistischen Neubau ersetzt.

Langer Steinweg 8, heutiges Wohn- und Geschäftshaus von 1912. Foto: Rüdiger Haase, 2008
Blomberg, Langer Steinweg 8, Fotografie um 1910. Reicher Fachwerkgiebel der Spätrenaissance, abgebrochen 1912. Sammlung Stiewe
Langer Steinweg 8, Giebelvorkragung mit Zahnschnitt und Inschrift. Fotografie von ca. 1910, Ausschnitt. Sammlung Stiewe
Langer Steinweg 8, Ansicht der Fassade mit Details, Rekonstruktion. Aufmaß und Zeichnung von Charton und Stiehl, 1883. Nach Schäfer 1883-1888
Langer Steinweg 8, Giebelansicht und Querschnitt, Zustand zur Bauzeit Ende 16. Jahrhundert, Rekonstruktion. Aus: Stiewe 1996; 294
Langer Steinweg 8, Längsschnitt, Querschnitt und Grundriss. Aufmaß von Hugo Ebinghaus, vor 1912. Aus: Ebinghaus 1912
Langer Steinweg 8, Saalkamin. Aufmaß und Zeichnung von Studierenden der TH Aachen, 1890. Aus Henrici 1892
Langer Steinweg 8, Saal. Bauzeitliche Fenster mit beschnitzten Pfosten und ornamentaler Bleiverglasung in sog. Schweizer Rauten. Foto: Hugo Ebinghaus, 1912. Nach Ebinghaus 1912

Geschichte

Mittelalterliche Hausstätte, Ende des 16. Jahrhunderts mit großem Fachwerk-Dielenhaus mit Saal bebaut. Mutmaßlicher Erbauer war Cord von Braunschweig aus Kassel, 1590 Amtsschreiber im Amt Sternberg, später Amtmann in Blomberg. Er strab 1634 mit seiner zweiten Frau Cahtharina Höcker an der Pest. Weitere Eigentümer und Bewohner waren ein Offizier aus Magdeburg, Kaufleute und Bäcker sowie Lohgerber. 1912 erwarb es der Sattlermeister August Mariß. Er ließ das alte Haus abbrechen und durch den erhaltenen Neubau ersetzen.

Gebäude

Heutiger Bau von 1912: Zweigeschossiges, giebelständiges Wohn- und Geschäftshaus, historistischer Putzbau mit Werksteingliederung und Bruchsteinfassade im EG, dreifach vorkragender Fachwerkgiebel, im 1. OG links Fachwerkerker auf vier Kragsteinen. Zierschnitzereien der Neorenaissance, am Erker drei Brüstungsbohlen mit Rollwerkkartuschen, mittlere mit Datierung "19.12". Bauzeitlicher Ladeneinbau im Erdgeschoss rechts mit Mitteleingang und zwei großen Schaufenstern mit Werksteingewänden.

Altbau, spätes 16. Jahrhundert, abgebrochen 1912: Rekonstruktion der ursprünglichen Bau- und Raumstruktur nach rekonstruierender Fassadenansicht von Charton und Stiehl (1883) und schematischem Aufmaß von Hugo Ebinghaus (1912): Fachwerk-Giebelhaus, ursprünglich zweischiffiges Dielenhaus (Dreiständerbau) von sieben Fachen (8 Gebinden) mit rückwärtigem Saal-Hinterhaus von vier Fachen. Steiles Sparrendach mit Spitzständerdachwerk, Bodenluke mit Aufzugrad zwischen zwei Spitzständern im 3. Fach. Das 1912 abgebrochene Gebäude war das bedeutendste Fachwerk-Bürgerhaus der Spätrenaissance in Blomberg, reiche Zahschnittdekoration der Fassade in enger Abhängigkeit vom Rathaus (1587). Auch in seiner inneren Raumstruktur und Ausstattung (Dielen- und Saalkamin, Saalfenster mit alter Bleiverglasung) war das Haus ausgezeichnet erhalten.

Dreifach auf Stichbalken vorkragender Giebel aus kräftigen Hölzern, Vorkragungen mit reicher Zahnschnittdekoration, nach oben abnehmend. Im unteren Giebelstockwerk Brüstungsgefache mit Andreaskreuzen (vgl. Rathaus, Ostgiebel), unter dem Rähm des Dielen-Untergeschosses breite vorgenagelte Bohle mit Inschrift in Fraktur. Leicht außermittiger Torbogen aus sehr breiten Hölzern, Inschrift verwittert (auf hist. Fotos nicht erkennbar), umlaufendes breites Zierband mit zwei Taubändern und mittlerer Perlschnur, unten in Schlingen auslaufend. Obere Flügel des Dielentores mit Lilienbeschlägen, bauzeitlich, Oberlichter mit alter Bleiverglasung. Rekonstruktion des Erdgeschossfachwerks bei Charton und Stiehl (1883) schemaatisch und unzutreffend; das Foto von ca. 1910 zeigt links einen Sturzriegel über den beiden Fenstern der Stube mit Tauband und Resten weiterer Zierschnitzereien, ursprünglich breites, bleiverglastes Fensterband der Stube. Rechts vom Torbogen Rest einer langen Fußstrebe, zwei Stubenfenster im EG erst im 19. Jahrhundert eingebaut.

Zuletzt dreischiffiges Dielen-Vorderhaus und unterkellertes Saal-Hinterhaus, Vorderhaus ursprünglich zweischiffig mit rechtsseitiger Diele und linksseitiger Stube. Anschließende Küche anstelle früherer, vermutlich hoher Lucht (großer Dielenkamin durch jüngere Küchenwand angeschnitten). Herdwand massive "Brandmauer" mit mittigem Kaminzug, ca. 1 m stark. Dielenkamin mit spätgotisch anmutenden Kragsteinen und großem, pyramidenförmigem Rauchfang mit horizontalen Zierleisten, Saalkamin mit Reinaissance-Kragsteinen mit Beschlagwerk und hölzernem, umlaufendem Kaminsturz mit Arkadenmuster und Zahnschnitt (nach Abbruch 1912 ins Städtische Museum Bielefeld überführt, nach Abbruch des Museumsgebäudes 1966 Verbleib unbekannt). Großer Saal (ca. 50 qm, 3,6 m hoch) mit "Gipsboden" (Taxation 1857) über gering eingetieftem Keller mit Balkendecke (zuletzt als Stall genutzt). An der rechten Traufseite waren noch bauzeitliche Saalfenster mit geschnitzten Pfosten und ornamentaler Bleiverglasung (sog. Schweizer Rauten) erhalten. Balkendecke mit Unterzug und seitlichen Kopfbändern, zuletzt verputzt und hell gestrichen. Saalbau rechts etwa 1 m einspringend (mit Dachvorkragung? - vgl. Langer Steinweg 23); am Einsprung Ausgang zum Hof und jüngerer Stallanbau. Schmales rechtes Seitenschiff mit kleiner Stube, Kammer und Keller vermutlich im 19. Jahrhundert eingebaut, seitdem dreischiffiger Grundriss mit nur 3,60 m breiter Diele.

Inschriften

Torbogen: Inschrift vermutlich verwittert, auf historischen Fotos nicht erkennbar. Umlaufendes breites Zierband mit zwei Taubändern und mittiger Perlschnur, unten in Schlingen auslaufend.

Giebelinschrift auf breiter, vorgenagelter Bohle mit Zahnschnittkanten, unterhalb des Rähms:

Erkenne.Gott.undt.rufe.in.an.In.allem.waß.du.begerst.zu.thun.So.wirdt.Ehr.dein.anschläge.und.fleiß.regierenn.daß.du.erlangest.preiß.Gal.3.ca.Gots.Gnad.hilft.fro.und.spat.

Eigentümer*innen, Bewohner*innen

Möglicher Erbauer ist Cord von Braunschweig aus Kassel, 1590 Amtsschreiber im Amt Sternberg, später Amtmann in Blomberg. Heirat vor 1594 mit Cahtarina Waterbecker aus Blomberg, 2. Heirat vor 1634 Catharina Höcker. Beide starben 1634 an der Pest.[1]

1635 Erwerb durch Capitain oder Hauptmann Andreas Böneke aus Magdeburg (Bürgerrecht 1635) mit Frau Margrete von Amelung und Kindern. 1640 betrug der Wert des Hauses 400 Taler.

1662 (Bürgerrecht) Bäcker Fritze Botterbrodt aus Nr. 279 (Langer Steinweg 7). Verkauft 1680 eine Scheune hinter seinem Hause an seinen Nachbarn Fr. Heringlake (in Nr. 270, Langer Steinweg 10).

Um 1702 Haus durch Tausch an Bäcker Jacob Henrich Diekmann aus Schwalenberg (Bürgerrecht 1698).

1718 Einheirat von Theophilus Stoelmann aus Herford, Bäcker und Kaufmann, "eines Ratsherrn Sohn" (+ 1746).

1756 Verkauf für 630 Taler durch Witwe an Schuhmacher und Ratsherrn Johann Cord Holste aus Nr. 224 (Kuhstraße 16).

1774 (Bürgerrecht) Sohn Christoph Abraham Holste, lebte 1776 (VZ) mit Tochter und zwei Mägden im Haus und hielt 2 Kühe und 2 Schweine.

1810 (Bürgerrecht) Sohn Carl Conrad Holste, Schuhmacher und Lohgerber, mit Frau und 2 Kindern (1835, VZ).

1860 (Bürgerrecht) Sohn Heinrich Eduard Holste, Lohgerber

1912 Sattlermeister August Mariß, Abbruch und Neubau des Hauses.

Literatur

Hugo Ebinghaus, Das Ackerbürgerhaus der Städte Westfalens und des Wesertales, Dresden 1912.

Heinz-Walter Rolf, Blomberg. Geschichte - Bürger - Bauwerke, Blomberg 1981.

Heinz-Walter Rolf, Die Bürger der Stadt Blomberg. Namen - Daten - Berufe - Häuser. 1525–1910, Blomberg 1996.

Carl Schäfer (Hg.), Die Holzarchitektur Deutschlands vom XIV. bis zum XVIII. Jahrhundert, Berlin 1883-1888 (Reprint Hannvoer 1981).

Heinrich Stiewe, Hausbau und Sozialstruktur in einer niederdeutschen Kleinstadt. Blomberg zwischen 1450 und 1870 (Schriften des Westfälischen Freilichtmuseums Detmold – Landesmuseum für Volkskunde; 13), Detmold 1996.

Quellen

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Besitzergeschichte nach Rolf, Bürger (1996), S. 114f.

Autor*innen

Heinrich Stiewe

Seitenhistorie

Seite erstellt am 08.08.2026 von Heinrich Stiewe

Letzte Änderung am: 09.08.2026 von Heinrich Stiewe